Wieso zieht der Osten an?

Interview mit Prof. Marko Sarstedt, Hochschulprofessor für Marketing an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Herr Prof. Sarstedt, Sie unterrichten Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing an der Universität Magdeburg. Wenn Sie dort eine Vorlesung halten, wer sitzt dann im Hörsaal oder in der digitalen Vorlesung?

Die Studierendenschaft ist sehr heterogen. Insbesondere in unseren Masterprogrammen sitzen viele Studierende aus Asien oder Osteuropa. Zudem beobachte ich auch, dass in den letzten Jahren der Anteil von Studierenden aus den westlichen Bundesländern gestiegen ist.

Welche Rolle können die zahlreichen Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen in Ostdeutschland einnehmen?

Diesen Institutionen kommt eine enorm wichtige Rolle bei der regionalen Standortentwicklung zu. Starke Forschungs- und Lehreinrichtungen ziehen nicht nur hochqualifiziertes Personal an, sondern vor allem innovative Unternehmen und andere Institute. So entsteht eine Ökosphäre, aus der weitere innovative Start-ups erwachsen, die langfristig die regionale Entwicklung beflügeln. Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen sind für eine solche Entwicklung der Anker.

Warum sollte ein junger Mensch in Ostdeutschland ein Unternehmen gründen, statt dafür in den Westen zu ziehen?

Gerade in Städten wie Berlin oder München hat sich in den letzten Jahren eine regelrechte „Start-up Bubble“ gebildet. Dadurch ist es für junge Start-ups enorm schwer geworden, talentiertes Personal zu rekrutieren und langfristig zu halten. Zudem scheitert es manchmal schon an vermeintlich einfachen Dingen wie der Anmietung geeigneter Büroräume. Hier bieten viele ostdeutsche Städte wie Magdeburg oder Dresden eine tolle Infrastruktur, bezahlbaren Wohnraum und einen hohen Freizeitwert für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mindestens genauso attraktiv sind die Finanzierungsmöglichkeiten, beispielsweise im Rahmen Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, von denen Start-ups in Ostdeutschland profitieren können.

Wie können sich ostdeutsche Unternehmen positionieren, um die für diesen Wandel benötigten kreativen Köpfe – auch aus dem Westen – anzuziehen?

Neben der Betonung eines attraktiven Lebensumfeldes, insbesondere für junge Familien, die es in vielen westdeutschen Städten schwer haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden, können Unternehmen durch agile Personalkonzepte wie „New Work“ punkten. Gerade junge Kreative wollen nicht mehr in starren Hierarchien arbeiten. Agiles Arbeiten, wirkliche Mitbestimmung und Beteiligung am Unternehmenserfolg sind wichtige Faktoren, um sich im „War for Talents“ abzugrenzen.

Ostdeutsche Städte wie Leipzig, Dresden und Jena boomen seit Jahren. Auch Westdeutsche ziehen vermehrt dorthin. Woher kommt die Anziehungskraft dieser ostdeutschen Städte?

Die ostdeutschen Boomstädte bieten nicht nur eine moderne und bezahlbare Infrastruktur, sondern vor allem auch viele Gestaltungsmöglichkeiten. In Westdeutschland sind die Strukturen manchmal sehr starr und eingefahren, was es mancherorts schwer macht, neue Dinge anzustoßen. Zudem schätzen viele Zugezogene das noch immer zu beobachtende Wir-Gefühl. Solche Standortfaktoren sprechen sich herum. Gleichzeitig schauen junge Westdeutsche völlig unbefangen nach Osten. Die Unterscheidung Ost-West spielt für sie schlichtweg keine Rolle mehr.

Die Wirtschaftskraft der ostdeutschen Länder ist auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch geringer als die der westdeutschen Länder. Ist es überhaupt möglich, gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland herzustellen? Und was muss dafür passieren?

Natürlich haben Jahrzehnte sozialistischer Planwirtschaft ihre Spuren hinterlassen, aber das wirkliche Problem bestand im Wegzug vieler, insbesondere hochqualifizierter Menschen unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Hier zeichnet sich eine Trendwende ab. Um den Prozess zu beschleunigen, braucht es mehr Investitionen in Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen. Man muss hier aber realistisch bleiben. Das Angleichen der Lebensverhältnisse wird noch Jahrzehnte beanspruchen und in der Fläche vielleicht gar nicht zu realisieren sein.

Noch gibt es keinen einzigen Hauptsitz eines Dax-Konzerns in Ostdeutschland. Warum? Und welchen Effekt könnte es haben, wenn ein ostdeutsches Unternehmen zum Dax-Konzern wird?

Dieser Umstand wird ja häufig in politischen Talkshows bemängelt, aber ich sehe das entspannt. Solche Standortentscheidungen wurden größtenteils lange vor der Wiedervereinigung getroffen und können auch nicht kurzfristig revidiert werden. Sollte ein originär ostdeutsches Unternehmen den Sprung in den Dax schaffen, so kann das als Zeichen einer positiven Entwicklung gewertet werden, mehr aber auch nicht. Solch eine Entwicklung von nahezu 0 auf 100 bedarf in aller Regel mehr als drei Jahrzehnte.

Sie beschäftigen sich in Ihren Forschungen auch mit dem Phänomen der „Politikverdrossenheit“. Gibt es in Ostdeutschland ein spezifisches Gefühl der Politikverdrossenheit, dass es im Westen nicht gibt? Und wenn ja, woher kommt dieses Gefühl?

Die Ergebnisse der Landtagswahlen deuten durchaus auf ein höheres Maß an Politikverdrossenheit hin. Die Ursachen sind sicherlich vielschichtig, aber eine wesentliche Ursache liegt m.E. darin, dass der grundlegende Umbruch der Wiedervereinigung, der alle Lebensbereiche der damaligen DDR-Bürger erfasst hat, nie richtig aufgearbeitet, geschweige denn anerkannt wurde. Die Politik hat es in den Folgejahren nicht geschafft, den Menschen das Gefühl einer Anerkennung für deren Lebensleistung zu vermitteln. Das ist mit Blick auf die wirtschaftlichen und systemischen Herausforderungen der Wendejahre durchaus nachvollziehbar aber gerade in den letzten beiden Jahrzehnten wäre ein stärkeres Augenmerk auf die innere Einheit wichtig gewesen.