Neue Gründergründe

Der Osten wächst und holt auf. Zahlreiche Beispiele zeigen, dass die ostdeutschen Bundesländer für junge Unternehmen in Deutschland an Attraktivität gewinnen. Anreize gibt es für Gründerinnen und Gründer im Osten genügend.

Günstige Mieten sind komfortabel. Besonders für junge Unternehmen. Als ausschlaggebendes Argument für eine Gründung in einer bestimmten Region reichen sie jedoch bei weitem nicht aus.
So boomen zwar Städte wie Leipzig, Dresden oder Halle – erstmals hat sich seit 2017 die Wanderungsbewegung von Ost nach West umgekehrt – trotz allem: In Sachen Start-ups überstrahlt Berlin alle anderen urbanen Zentren im Osten. Noch, denn innovative Neugründungen sprechen für den Wirtschaftsstandort Ost. Unabhängig von niedrigen Lebenshaltungskosten.

Neue Gründe erschließen

Gerade wenn es um hochspezialisierte technische Lösungen geht, greift in den ostdeutschen Bundesländern die Vernetzung zwischen Forschung und Wirtschaft. So tritt etwa das Start-up Redwave Medical mit dem Anspruch an, Blutdruck-Messgeräte zu revolutionieren, indem sie behandelnden Ärzten Informationen über ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko ihrer Patienten liefern. Entstanden ist die Idee in Jena, durch eine Zusammenarbeit zwischen dem Universitätsklinikum und den Gründern. Ebenso wie das Unternehmen Oncgnostics, das 2011 an der Universitätsfrauenklinik Jena gegründet wurde und erstmalig zuverlässige Tests zur Früherkennung von Krebskrankheiten herstellt.
Es zeigt sich: Ausschlaggebend sind nicht die Kosten. Sondern eine Umgebung, in der man schnell und unkompliziert auf ausgebildete Fachkräfte und Ressourcen in der Wissenschaft zurückgreifen kann.

Hinzu kommt: Bundesländer wie Thüringen, Sachsen oder Brandenburg unterstützen Gründerinnen und Gründer bei der komplizierten Anmeldung und Steuerhandhabung von Unternehmen. Etwa durch Steuerberater, die die Anfänge des Unternehmens begleiten. Auf Kosten des Landes. Während es in Estland und Lettland mittlerweile möglich ist, per App eine GmbH anzumelden und den dazugehörigen Steuersatz zu bestimmen, tut sich Deutschland im internationalen Vergleich generell noch schwer: eine Umsatzsteuererklärung, bevor man den ersten Umsatz gemacht hat? Abschreckend für potenzielle Start-upper, deren erste Schritte durch Risikokapitalgeber finanziert werden müssen.
Im Osten hat bereits ein wichtiges Umdenken stattgefunden, das zukünftig Schule machen muss.

Vorsprung durch Technik

Die meisten Neugründungen gab es laut des Start Up Monitors 2019 in NRW und Berlin. Zu den Gründerhotspots zählen die Metropolregion Rhein-Ruhr, München, Stuttgart/Karlsruhe und Hamburg. Jede Stadt, jede Region weist Eigenheiten auf, die nahelegen, dass sich zukünftig neue Hotspots für bestimmte Wirtschaftszweige entwickeln werden. Bestes Beispiel: München als Business-to-Business-Hochburg. Die 2011 gegründete Münchner Software- und Process-Mining-Schmiede Celonis, die aktuell mit über zwei Milliarden Euro bewertet wird, ist nur ein Einhorn unter vielen in Süddeutschland.
Im Vergleich dazu richten sich neugegründete Berliner Unternehmen größtenteils durch Dienstleistungen und Produkte direkt an den Endverbraucher.
Wie sieht es aus in Sachsen? Sachsen-Anhalt? Thüringen? Sie könnten sich als neue Technologie-Standorte profilieren. Naventik aus Chemnitz macht es vor: Ungeachtet der Debatte um Verbrennungsmotoren, E-Antriebe oder Wasserstoff-Tankstellen entwickelt die junge Firma neue Mobilitätskonzepte mit dem Schwerpunkt autonomes Fahren. Binnen kürzester Zeit ist Naventik zum vielversprechenden Anbieter satellitengesteuerter Mobilität – und somit zum Innovationstreiber für eine saubere Fortbewegung geworden. Ein Start-up, made in der Technischen Universität Chemnitz.

Warum eigentlich Start-ups?

Die Liste disruptiver Ideen, an denen motivierte Gründerinnen und Gründer arbeiten, lässt sich endlos fortsetzen. Wichtig bleibt aber die Frage:
Warum sollte ein Land überhaupt bessere Möglichkeiten für Start-ups schaffen? Reichen Traditionsunternehmen und Konzerne nicht aus, um eine Wirtschaft am Laufen zu halten? Aktuell, vielleicht: Ja. In Zukunft: Ein klares Nein.
In einer Wirtschaft, die vor allem von Innovation und neuen Konzepten getrieben ist, sind Start-ups der Katalysator für eine erfolgreiche Anpassung an den internationalen Wettbewerb.
Am Beispiel der Technologie- oder Automobilbranche ist deutlich zu erkennen, dass althergebrachte Strukturen in globalisierten Märkten nicht ausreichen, um Deutschland und Europa in Zukunft wettbewerbsfähig zu halten.
Deswegen gilt es, die bestehenden Potenziale des Standortes Ostdeutschland zu nutzen und noch weiter auszubauen – und neue Gründe zum Gründen zu schaffen.
Wo nichts Neues entsteht, gibt es keine Zukunft.