Invest in Invest – Berlin ist die neue FinTech Hauptstadt

Dass Berlin eine lebendige Start-up-Szene bietet: Geschenkt. Neu ist jedoch der Fakt, dass sich immer mehr Fintechs mit internationaler Ausrichtung in Deutschlands Osten ansiedeln. Trotz einer, aus regionalpolitischer Sicht, nicht idealen Lage.

Wer in Deutschland das Wort „Finanzbranche“ in den Mund nimmt, muss landläufig mit eher gemischten Reaktionen rechnen. Das Trauma der Weltfinanzkrise, Negativ-Berichterstattung und Serien wie „Bad Banks“ generieren nicht gerade ein sauberes Image. Tief sitzen Bilder von undurchsichtigen Fassaden anonymer Skylines, hinter denen für Normalbürger wenig Greifbares passiert. So keimen Forderungen nach mehr Regulierung, Verstaatlichung, Kontrolle. In einem Sektor, der von Dynamik und Pragmatismus lebt.

Einen Paradigmenwechsel könnten Fintechs bringen. Denn von diesen modernen Technologiekonzernen im Bereich der Finanzdienstleistungen gibt es besonders in Berlin eine Masse. Deutschlands Osten, der lange nur als endverbraucherorientiertes Start-up El Dorado galt und neben den Banken-Hochburgen Frankfurt und London eine untergeordnete Rolle eingenommen hat, holt mit Berlin als Fintech-Hauptstadt auf.

Der Bundesverband Deutscher Startups prognostizierte 2017 mit den ersten Diskussionen über den Brexit ein Fintech-Schwinden in der britischen Hauptstadt – und ein enormes Wachstum in Berlin. Eine Prophezeiung, die sich mittlerweile bewahrheitet hat. Nicht nur Großbritanniens Ausscheiden aus der Europäischen Gemeinschaft treibt junge Fintechs nach Berlin. Die Stadt zieht europaweit Start-ups an. Geringe Kosten, Zugriff auf internationale Fachkräfte und reger Austausch von Start-ups machen derzeit noch die bürokratischen Hürden wieder wett, die die Berliner Bürokratie Gründerinnen und Gründern in den Weg legt. Denn auch wer digitale Innovationen entwickelt, die in einigen Fällen einen Markt revolutionieren können, muss eine Menge Papierkram erledigen.
Das sorgt für Unzufriedenheit unter Gründern. In ihren Belangen fühlen sich laut einer Studie des Bundesverbandes Deutscher Start-ups junge Unternehmer noch nicht verstanden. Was sich bereits in der Schule äußert: Das deutsche Bildungssystem bewertet eine auffallend hohe Zahl (44 Prozent) der Unternehmer in Bezug auf die Vermittlung von unternehmerischem Denken und Handeln mit „ungenügend“.

FinTechs in Zahlen

Über 35 Prozent aller deutschen Fintechs sind in Berlin angesiedelt, etwa 300 Unternehmen insgesamt. Das sind mehr als in München, Hamburg und Frankfurt zusammen. Laut einer Studie der comdirect-Bank sammelten sie in den Jahren 2018 und 2019 rund 1,8 Milliarden Euro an Wagniskapital ein – 70 Prozent aller Investitionen, die in Deutschland in Fintechs geflossen sind. Von den über 4700 Gründerinnen und Gründern in Berlin und ihren 24.050 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist ein wachsender Anteil in Fintechs tätig.
Nur nebenbei: Es zählt nur das B2C-Geschäft in Berlin? Das war mal. Über 52 Prozent der Berliner Start-ups sind im B2B-Sektor tätig. Bundesweit liegt der Wert bei 46 Prozent. Berlin spielt damit bei der Digitalisierung der deutschen Wirtschaft eine Schlüsselrolle.

Firmen wie N26, Finleap oder die Crowdfunding-Plattform Companisto haben es vorgemacht. Ihr Alleinstellungsmerkmal, mit dem sie den Markt aufgewirbelt haben? Vereinfachung und Automatisierung. Egal, ob es um Bargeld-Abhebungen oder um die Kreditvergabe geht. Natürlich lassen sich Schwierigkeiten bei der Mitarbeiterzufriedenheit, wie jüngst bei N26, nicht wegdiskutieren. Jedoch lieferte die digitale Bank Denkanstöße und positionierte sich als ernstzunehmender Konkurrent zu alt eingesessenen Kreditinstituten. Eine Leistung, die man anerkennen muss. Es folgten die Solarisbank, das erste Bank Venture mit eigener Banklizenz, Venture-Projekte wie Moneyou, Revolt oder Klarna. Gründer, die sich eine Reform ausgetretener Strukturen zum Ziel gemacht haben. Und sie waren und sind dabei sehr erfolgreich.

Ein weiterer enorm wachsender und umsatzstarker Sektor sind die sogenannten Proptechs. Anbieter, die auf Property, also Immobilien, Besitz und Investition ausgerichtet sind. Ironisch in einer Stadt, in der von einigen Stellen Enteignung als letztes Mittel gegen „Investoren“ gefordert wird.

Was zeichnet eigentlich Fintechs aus? Sie sind digitale, disruptive Ideenlieferanten, die die Absicht haben, eine Branche zu revolutionieren, einfacher und transparenter zu machen – und in vielen Fällen durch neue Investitionsmodelle den Gründermut in angehenden Unternehmern zu wecken.
Kurz: Wer über die Finanzbranche spricht, sollte immer an die jungen Gründer denken, die mit dem Image der Elfenbeintürme brechen wollen.
Mit besseren Ideen, die auch im internationalen Wettbewerb bestehen können.