Die goldene Mitte

Gründergeist ist keine Wortkreation aus der jüngsten Start-up-Szene. Besonders traditionsreiche Unternehmen in Thüringen haben vorgemacht, was es heißt, durch internationale Ausrichtung ganze Branchen neu zu definieren und erfolgreich Krisen zu meistern. Bescheiden. Zielstrebig. Und oft unterschätzt. Allen voran: Carl Zeiss.

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Die einen diskutieren öffentlichkeitswirksam über unüberwindbare Hindernisse. Die anderen entwickeln einen Weg, sie hinter sich zu lassen. Und gehen mit gutem Beispiel voran. Manchmal, ohne dass es jemand sieht. Man nennt sie: Unternehmer. Und davon gibt es in Thüringen eine ganze Menge. So düster und chaotisch die äußeren Umstände auch waren, so innovativ reagierten Traditions-Unternehmen in Deutschlands Mitte. Und setzten damit internationale Standards. Allen aktuellen Beispielen voran: ein Mann aus Weimar.

Nische in der Nische

Was macht ein Ostdeutscher mit einer Lupe? Er gründet einen Konzern. Und legt den Grundstein für ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr 6,43 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet hat. Doch zurück zum Anfang.

Eigentlich begann die Gründerstory von Carl Zeiss ganz klassisch – im modernen Sinne des Wortes: Er eignete sich Wissen an. Suchte seine Nische. Und definierte sie durch eine disruptive Idee neu. 1847 richtete der junge Mechaniker eine Werkstatt für Feinmechnik in Jena ein. Dabei spezialisierte er sich unter anderem auf Brillen, chemische Waagen, Reißzeuge und Fernrohre. Binnen kürzester Zeit baute er sich einen festen Kundenstamm auf, stellte einen Lehrling ein und mietete größere Geschäftsräume. Hier hätte Schluss sein können. Doch Zeiss erlag seiner größten Motivation: Unzufriedenheit mit den Produkten seiner Zeit. Für ihn hatte der Satz „Das haben wir immer so gemacht“ keine Bedeutung.
Während Wissenschaftler in dieser Zeit an veralteten Vergrößerungsgläsern tüftelten, bis sie endlich das gewünschte Ergebnis erzielten, glaubte Zeiss an industrielle Verfahren. Und Expertenwissen. Zudem war er ein grandioser Networker. So fand er Unterstützung bei Ernst Abbe, einem Privatdozenten an der Universität Jena. Wie Zeiss auch, war Abbe davon überzeugt, dass nur das passende Werkzeug die Wissenschaft vorantreiben könne. Ihre anfänglichen Experimente brachten sie an den Rande des Ruins. Der öffentliche Fokus lag damals weniger auf Optik. Mehr auf neuer Waffentechnik. Sie arbeiteten unbeirrt weiter. Und waren damit nicht allein in Thüringen. Der Rest ist Geschichte.

Versteckte Experten

Ohne Kohl kein Lambo. Gemeint ist nicht der ehemalige Bundeskanzler. Denn die Firma Kohl Automotive in Eisenach ist ein Bindeglied zwischen Firmen, die ihre Entwicklungsabteilungen sonst gern so weit wie möglich voneinander entfernt ansiedeln. Audi, BMW, Daimler, Porsche, Lamborghini. Kohl liefert Teile, ohne die kein hochwertiges Auto auskommt – und durch seine Technik, die speziell ausgebildetes und geschultes Fachpersonal erfordert, einen wichtigen Teil zu Qualitätsmaßstäben der europäischen Automobil-Industrie. Autos. Oder deren Innenleben. Auch wenn in den sterilen Hallen, in denen unter anderem modernste Robotertechnik eingesetzt wird, nichts mehr an die Anfänge um 1900 als Zusammenschluss von Tischlern erinnert. Glücklicherweise genauso wenig wie an die Zwangsverstaatlichung 1948 und die folgenden Jahre der Planwirtschaft.
Ab 1990 entwickelte sich der Betrieb in seine heutige Richtung.

Spaltung. Annäherung. Erfolg.

Was Mannheim für „Benz“ und Cannstadt für „Daimler“, war Eisenach für Ostdeutschland. Hier war das dritte große, innovative Werk für Motorentechnik entstanden. Weit bevor der Erste Weltkrieges das Land erschütterte, die Nationalsozialisten die Expertise der Werke für sich nutzten und das Land in Teilung zerfiel.

1896 gründeten der Justizrat Dr. Max Wernick, der Industrielle Heinrich Ehrhardt, sein Sohn Gustav Ehrhardt und Vertreter eines Bankenkonsortiums die Fahrzeugfabrik Eisenach. Besonders die technischen Innovationen und ein neues Design beim Motorrad-Bau zogen die Aufmerksamkeit von den Bayrischen Motorenwerken auf sich. 1928, im Zuge der Weltwirtschaftskrise, kaufte BMW die Eisenacher Motorenwerke und bewahrte sie so vor dem Aus. Die Zweirad-Fusion brachte seinen Produkten weltweites Renommee ein. Noch heute werden BMW-Maschinen mit EMW-Anleihen aus den späten 20er Jahren von Sammlern in den USA, Europa und Japan zu Höchstpreisen gehandelt.

Käte, übernehmen Sie

Eines der herausragendsten Beispiele für eine disruptive Sicht auf eine Branche liefert die Unternehmensgruppe ACO.
Das Familienunternehmen, 1946 von Josef-Severin Ahlmann auf dem Gelände der Eisengießerei Carlshütte in Büdelsdorf gegründet, zählt heute mehr als 5400 Mitarbeiter an acht Standorten weltweit. Hinter dem nüchternen Namen und der Beschreibung „Spezialist für Entwässerungstechnik“ verbirgt sich ein Konzern, der sich den chaotischen Zuständen in den Jahren der Wiedervereinigung nicht ergeben, sondern sich durch sie neu erfunden hat: Freizügigkeit bedeutet auch, dass man dort arbeiten kann, wo man gebraucht wird. Für ACO, der Firma, die unter anderem auf Hoch- und Tiefbau, Haustechnik, Verfahrenstechnik und Industrieguss spezialisiert ist, hieß das: Überall. Denn überall wird gebaut.
Schon 1993 expandierte das Thüringer Unternehmen nach North Carolina. Es folgten Dubai, Shanghai, Sofia. Heute erwirtschaftet ACO 900 Millionen Euro jährlich. Noch immer wird die Unternehmensgruppe von Ahlmann geführt. In bester Tradition der Ur-Großmutter: Käte Ahlmann. Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes übernahm sie 1931 den Vorsitz der Carlshütte, dem Vorgänger der ACO, und gründete in Thüringen, gegen jeden Widerstand, den Verband deutscher Unternehmerinnen.

Status Quo?

Einige wenige Beispiele aus einer Region in Ostdeutschland. Hidden Champions, die fast unbemerkt Geschäftszweige verändert haben. Ungenannt bleiben etwa die Sportwaffen-Manufakturen in Suhl, die nach ihrer Instrumentalisierung in der DDR zu Rüstungszwecken, durch Kunsthandwerk neues internationales Renommee erlangt haben. Die Süßwaren von Storck. Oder die Produkte des Arzneimittelherstellers Hofmann & Sommer – in jeder Hausapotheke vertreten. Von nahezu niemandem bewusst wahrgenommen. Traditionsunternehmen aus Thüringen, die vor allem eines beweisen: Um erfolgreich zu sein, reicht es nicht aus, sich auf äußere Gegebenheiten zu verlassen. Es ist kein Gründungsgeist entsteht nicht nur aus einem guten Einfall heraus. Es ist der Willen, Dinge grundlegend zu verändern. Auch wenn sich Widerstände auftun.

Was der bekannteste Gründer aus Thüringen, Carl Zeiss, einst zu diesem Thema sagte…
Keiner weiß es. Er war als zurückhaltend und bescheiden bekannt und konzentrierte sich vollends auf sein Geschäft.